
Gedenkseite von Péter Nádas
Ungarischer Schriftsteller und Fotograf
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Erinnerungen
8 Erinnerungen

Péter Nádas

Péter Nádas auf der Frankfurter Buchmesse, 12. Oktober 2017

Péter Nádas beim Festivaletteratura in Mantua, 6. September 2012

Péter Nádas auf der Leipziger Buchmesse, 15. März 2012

Péter Nádas auf der Buchmesse Göteborg, 24. September 2011

Péter Nádas, fotografiert von Bahget Iskander, 24. April 2007

»Emlékiratok könyve« (Buch der Erinnerung) — Umschlag der Erstausgabe von 1986

Péter Nádas 1984 — Autorenfoto aus der Anthologie »Körkép 1984«

Péter Nádas — Porträt des Fotografen Gáspár Stekovics
Biografie
Péter Nádas (* 14. Oktober 1942 in Budapest; gestorben am 26. August 2026 in Gombosszeg) war ein ungarischer Schriftsteller und Fotograf. Mit dem Buch der Erinnerung und den Parallelgeschichten schrieb er zwei der großen europäischen Romane seiner Zeit. Kaum ein ungarischer Autor wurde im deutschsprachigen Raum so aufmerksam gelesen und so hoch geehrt wie er — bis hin zum Großen Verdienstkreuz mit Stern, das ihm knapp drei Monate vor seinem Tod in Berlin überreicht wurde.
Ein Kind mit falschen Papieren
Péter Nádas kam am 14. Oktober 1942 in Budapest zur Welt, als Sohn der Arbeiterin Klára Tauber und des Telefontechnikers László Nádas. Die Familie war jüdisch; die Vorfahren seines Großvaters mütterlicherseits, Arnold Tauber, waren über zehn Generationen mährische Rabbiner gewesen. Weil seine Eltern während des Holocaust in der Illegalität lebten, wurde in seine Geburtsurkunde ein falscher Name eingetragen.
Nach der Machtübernahme der Pfeilkreuzler am 15. Oktober 1944 floh seine Mutter mit dem Zweijährigen und gefälschten Papieren in die Batschka und weiter nach Novi Sad; unmittelbar vor der Belagerung kehrten beide nach Budapest zurück. Sein Vater mauerte sich mit Geschwistern und einem Freund in einen Keller am Újpester Ufer ein, wo sie falsche Papiere herstellten und Flugblätter druckten. Die Belagerung überstand Péter Nádas mit seiner Mutter in der Wohnung seines Onkels, des Journalisten Pál Aranyossi, zwischen anderen Kindern und Erwachsenen, die man mit gefälschten Papieren dorthin gerettet hatte. Das Haus wurde von einer Bombe getroffen.
Zwei Verluste
1953 wurde sein Vater, inzwischen Hauptabteilungsleiter im Postministerium, unter dem Verdacht der Unterschlagung vom Dienst suspendiert. Das Verfahren stellte man nach wenigen Monaten mangels Beweisen ein; er arbeitete in niedrigerer Stellung weiter. Am 15. Mai 1955 starb Klára Nádas nach langer Krankheit. Ihr Sohn war zwölf Jahre alt und erkrankte im Sommer desselben Jahres selbst schwer; bis er wieder gesund war, vergingen Monate.
Im Oktober 1956 entzog ein Arbeiterrat dem Vater die Stellung, ein anonymer Anrufer bedrohte ihn, und er verließ mit den beiden Söhnen die Wohnung auf dem Szabadság-Berg. Als das Arbeitsgericht ihn endgültig von allen Vorwürfen freisprach, nahm er sich wenige Tage nach Zustellung des Urteils, am 15. April 1958, das Leben. Vormund der Brüder wurde Magda Aranyossi. Im Sommer 1958 brach Péter Nádas die Schule ab. Den Tod seiner Mutter und den Freitod seines Vaters hat er später beschrieben: im Buch der Erinnerung und, Jahrzehnte danach, in den Memoiren Aufleuchtende Details.
Zuerst die Kamera
Vom Herbst 1958 an machte er eine Lehre als Fotograf. Im Frühjahr 1961 legte er die Facharbeiterprüfung ab, von September an arbeitete er als Fotoreporter-Praktikant in der Redaktion der Zeitschrift Nők Lapja. Dort begegnete er der Journalistin Magda Salamon, mit der er von März 1962 an zusammenlebte. In der gemeinsamen Wohnung in Pesterzsébet schrieb er die Erzählung A Biblia und beendete sie am zweiten Weihnachtstag 1962. Nach dem Militärdienst kam er 1965 zum Pest Megyei Hírlap, zunächst als Fotoreporter, wenige Monate später als Journalist. 1967 erschien A Biblia als sein erstes Buch.
Sieben Jahre ohne Erlaubnis
1968 mietete er ein Zimmer in Kisoroszi an der Donau; 1969 gab er seine Stelle als Journalist auf. Im selben Jahr wurde ein siebenjähriges Publikationsverbot über ihn verhängt. Zwischen 1969 und 1977 unterdrückte die ungarische Zensur jede seiner Veröffentlichungen. Seinen ersten Roman, Egy családregény vége, beendete er im August 1972 — gedruckt wurde er erst 1977 vom Verlag Szépirodalmi. Auf Deutsch erschien er 1979 bei Suhrkamp als Ende eines Familienromans: das Erbe einer Diktatur, erzählt aus der Sicht eines Kindes.

Das »Buch der Erinnerung«
Vom Sommer 1973 an arbeitete er an dem Roman, der sein Werk begründen sollte. Im Frühjahr 1974 vernichtete er das gesamte Manuskript und begann wenige Monate später noch einmal von vorn. Weitergeschrieben hat er in einem zwölf Quadratmeter großen Holzhaus, das im Herbst 1974 auf einem Grundstück am Weinberg von Kisoroszi aufgestellt wurde. 1979 gab er seine letzte feste Anstellung auf, um nur noch an dem Buch zu arbeiten. Am 15. April 1985 war es fertig; 1986 erschien Emlékiratok könyve im Budapester Verlag Szépirodalmi.
Der Roman verflicht drei Erzählstränge: einen in der DDR der 1970er Jahre, einen im Ostseebad Heiligendamm um die Jahrhundertwende und einen in Ungarn zur Zeit des Aufstands von 1956. Über allem steht ein Vers aus dem Johannesevangelium: »Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.« Susan Sontag nannte das Buch den größten Roman, der in unserer Zeit geschrieben worden sei, und eines der großen Bücher des Jahrhunderts. Auf Deutsch erschien es 1991 bei Rowohlt in der Übersetzung von Hildegard Grosche; Nádas hatte 1990 und 1991 selbst mit ihr am Text gesessen, zuletzt im Wannseehaus des Literarischen Colloquiums Berlin. Wenige Wochen nach dem Erscheinen ging er auf seine erste Lesereise durch Deutschland. 1998 wurde der Roman in Frankreich als bestes ausländisches Buch des Jahres ausgezeichnet.

Gombosszeg
1983 verkauften Nádas und Magda Salamon das Haus in Kisoroszi und kauften ein Haus in Gombosszeg, einem Dorf im westungarischen Komitat Zala. Im Mai 1984 zogen sie dorthin. Von Mai bis Oktober wurde gebaut; in dieser Zeit schrieb er den Essay Hazatérés — Heimkehr —, danach nahm er im hergerichteten Haus die Arbeit am Roman wieder auf. Gombosszeg blieb sein Ort: mehr als vier Jahrzehnte lang, bis zum letzten Tag. 2014 erschien in Deutschland ein schmaler Band, der einfach Gombosszeg heißt, mit Illustrationen von Susanne Theumer.
Der eigene Tod und der wilde Birnbaum
Am 28. April 1993 erlitt Péter Nádas auf offener Straße einen Herzinfarkt. Er wurde in das Budapester Szent-János-Krankenhaus gebracht und dort wiederbelebt; Anfang Mai weiteten Ärzte seine Herzkranzgefäße.
Aus dieser Erfahrung entstand Der eigene Tod, 2002 bei Steidl in der Übersetzung von Heinz Eisterer erschienen. Das Buch stellt Text und Bild nebeneinander: Auf jeder linken Seite steht eine Aufnahme des wilden Birnbaums aus seinem Garten in Gombosszeg, rechts läuft der Text. Ein Jahr lang hatte er diesen Baum fotografiert, fast täglich, immer vom selben Standpunkt aus. Im Herbst 2003 zeigte das Mai-Manó-Haus in Budapest die Serie unter dem Titel Egy vadkörtefa — Ein wilder Birnbaum.
»Es gibt keinen Gott in diesem Buch. Aber es wird doch über etwas nachgedacht, worüber ein moderner oder ein postmoderner Mensch nicht nachdenken darf: sein Tod.«
So beschrieb er den Band im Gespräch mit dem Fotopublizisten Ralf Hanselle für die Zeitschrift Photonews. Die Fotografie war nie ein Nebenberuf, sondern seine zweite Sprache. Ausstellungen in Budapest, Berlin, Den Haag und zweimal im Kunsthaus Zug zeigten ihn als Bildkünstler; die Schau von 2018 richtete er selbst ein und hängte alte Arbeiten neben neue, die mit dem Mobiltelefon entstanden waren.

Achtzehn Jahre »Parallelgeschichten«
Im Sommer 1985, kaum war das Buch der Erinnerung beendet, begann er den nächsten Roman. Achtzehn Jahre arbeitete er daran, mit Unterbrechungen. Im Herbst 2005 erschien Párhuzamos történetek in drei Bänden. Das Buch folgt zwei Familien — den ungarischen Lippay-Lehrs und den deutschen Döhrings — durch das 20. Jahrhundert, in Episoden, die zunächst unverbunden nebeneinanderstehen und sich erst im Lesen zusammenschließen.
Christina Viragh brauchte fünf Jahre für die deutsche Übersetzung; 2012 erschien der Roman bei Rowohlt als Parallelgeschichten. Im selben Jahr erhielten Autor und Übersetzerin gemeinsam den Brücke-Berlin-Preis, und der Südwestrundfunk zeichnete das Buch mit dem Preis der SWR-Bestenliste aus.

Was er über das Chaos sagte
»Ich reflektiere das Chaos, um andere Ordnungsprinzipien zu finden … Ich kann in meinen Romanen keine moralischen Urteile fällen. Das kann ich als Bürger oder Citoyen, aber nicht als Schriftsteller.«
Das sagte er im März 2012 in einem Gespräch mit Ralph Schock für SR2 KulturRadio. Deutsch sprach er gut und schrieb notgedrungen auch darin, vermied es aber lieber: »Im Grunde äfft man dabei eine fremde Sprache nach, aber ich bin dafür da, selbst etwas zu schaffen.«
»Aufleuchtende Details«
Fast zwei Jahrzehnte arbeitete er an seinen Erinnerungen. Im Sommer 2017 erschien Világló részletek in zwei Bänden bei Jelenkor in Budapest, im Herbst desselben Jahres bei Rowohlt auf Deutsch, erneut übersetzt von Christina Viragh: Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers, mehr als 1.200 Seiten. Das Buch folgt seiner eigenen Kindheit und zugleich mehr als hundert Jahren ungarischer Geschichte; es prüft die eigenen Erinnerungen so sorgfältig, wie andere Bücher Quellen prüfen. 2018 erhielt Nádas dafür den Aegon-Kunstpreis, 2022 den Berman-Literaturpreis, und 2025 sprach ihm die Jury des französischen Prix Médicis für die von Sophie Aude übersetzte französische Ausgabe ihren Sonderpreis zu.
Daneben schrieb er weiter kürzere Prosa und Essays, darunter gesellschaftliche und politische Texte, die in Ungarn Debatten auslösten. 2022 folgte der Roman Schauergeschichten, der in einem ungarischen Dorf spielt.

Berlin, 31. Mai 2026
Der deutschsprachige Raum hatte ihn früh gelesen. Den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung nahm er am 24. März 1995 in Leipzig entgegen, den Franz-Kafka-Preis im Herbst 2003 in Prag, den Würth-Preis für Europäische Literatur 2014. Im Juni 2006 wählte ihn die Akademie der Künste in Berlin in ihre Sektion Literatur.
Am 31. Mai 2026 wurde Péter Nádas in Berlin in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen, in den man ihn im Juni des Vorjahres gewählt hatte. Im Konzerthaus Berlin hielt die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, selbst Mitglied des Ordens, die Laudatio; sie zitierte aus Aufleuchtende Details und würdigte neben dem literarischen ausdrücklich das fotografische Werk. Im Anschluss überreichte ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in den Räumen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Zuletzt hatte 1998 ein ungarischer Staatsbürger diese Ordensstufe erhalten: der Verfassungsrechtler und spätere Staatspräsident László Sólyom.
Abschied
Péter Nádas starb am 26. August 2026 gegen acht Uhr morgens in seinem Haus in Gombosszeg, im Alter von 83 Jahren. Seine Familie gab die Nachricht am selben Tag bekannt und bat darum, zunächst keine weiteren Auskünfte zu erwarten.
Was bleibt
Gemeinsam mit Péter Esterházy, Péter Hajnóczy und Péter Lengyel zählte er zur »Generation der Péters«, die der ungarischen Prosa in den 1970er und 1980er Jahren eine neue Form gab. Sein Landsmann Imre Kertész erhielt 2002 den Literaturnobelpreis; Nádas' eigener Name wurde in der Presse über Jahrzehnte hinweg regelmäßig unter den Favoriten genannt; den Preis erhielt er nicht. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, das Buch der Erinnerung erschien 1997 auch auf Englisch.
Sein letztes Buch, Halott barátaim, erschien 2025 in Budapest. Es erzählt von vier Leben: der Psychologin Alaine Polcz, ihrem Mann Miklós Mészöly, dem Freund Péter Esterházy — und von dem, der von ihnen erzählt. Auf Deutsch soll es im Februar 2027 bei Rowohlt erscheinen, in der Übersetzung von Christina Viragh, unter dem Titel Meine toten Freunde. Ein Buch über Freundschaft und über den Tod, das seinen Verfasser nun überdauert.

Lebensstationen
14 EreignisseGeboren in Budapest
1942Péter Nádas kommt in Budapest zur Welt, als Sohn von Klára Tauber und László Nádas.
Seine Mutter Klára stirbt
1955Klára Nádas stirbt nach langer Krankheit. Ihr Sohn Péter ist zwölf Jahre alt.
Der Vater nimmt sich das Leben
1958Wenige Tage nachdem ein Arbeitsgericht ihn von allen Vorwürfen freigesprochen hat, nimmt László Nádas sich das Leben. Vormund der beiden Söhne wird Magda Aranyossi.
Die Erzählung »A Biblia« ist fertig
1962In Pesterzsébet beendet Péter Nádas seine Erzählung »A Biblia«. Sie erscheint 1967 als sein erstes Buch.
»Emlékiratok könyve« ist vollendet
1985Nach mehr als einem Jahrzehnt Arbeit beendet Péter Nádas den Roman, der 1986 erscheint und auf Deutsch »Buch der Erinnerung« heißt.
Heirat mit Magda Salamon
1990Péter Nádas und die Journalistin Magda Salamon heiraten; zusammen leben sie da bereits seit 1962.
Kossuth-Preis
1992Ungarn zeichnet Péter Nádas mit seinem höchsten staatlichen Kulturpreis aus.
Österreichischer Staatspreis in Wien
1992Am letzten Abend seiner zweiten deutschen Lesereise nimmt er in Wien den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur entgegen.
Ein Herzinfarkt und die Rückkehr
1993Auf offener Straße erleidet Péter Nádas einen Herzinfarkt und wird im Budapester Szent-János-Krankenhaus wiederbelebt. Aus dieser Erfahrung entsteht das Buch »Der eigene Tod«.
Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung
1995In Leipzig nimmt Péter Nádas den Hauptpreis für sein literarisches Werk entgegen.
Fotoausstellung »Ein wilder Birnbaum«
2003Das Mai-Manó-Haus in Budapest zeigt bis zum 27. November seine Aufnahmen des Birnbaums aus dem Garten in Gombosszeg.
Aufnahme in die Akademie der Künste, Berlin
2006Die Akademie der Künste wählt Péter Nádas in ihre Sektion Literatur.
Pour le Mérite und Großes Verdienstkreuz mit Stern
2026In Berlin wird Péter Nádas in den Orden Pour le Mérite aufgenommen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht ihm anschließend das Große Verdienstkreuz mit Stern; die Laudatio hält Herta Müller.
Gestorben in Gombosszeg
2026Péter Nádas stirbt im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in Gombosszeg.
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Péter Nádas. Für immer unvergessen.
